available light - künstlerische Fotografie
Reinhard Kocznar • künstlerische Fotografie

Augen zu...

Unzeitgemäße Betrachtungen.

23. September 2002, 02:07, Neue Zürcher Zeitung

Augen zu und Geldbeutel festhalten

 Beobachtungen im Reich der neuen Alternativtouristen

Täglich verkehrt ein Schiff zwischen Siem Riep, dem touristischen Einfallstor zu den weltberühmten Angkor-Wat-Ruinen, und Phnom Penh, vormals bekannt als Hauptstadt des Massenmords, heute geschätzt wegen seiner Cafés am Mekong. Es ist ein hochmodernes Schiff, dessen Bug bei voller Geschwindigkeit aus dem Wasser ragt wie der Schnabel eines irre gewordenen Reihers. Natürlich können sich nur Touristen diese rasante Fahrt leisten, die einem die zwölfstündige Qual auf den zerfurchten Autopisten Kambodschas erspart. Da jedoch die wirklich wohlhabenden Touristen nach Siem Riep einfliegen, benutzen ausschliesslich «Backpacker» das Boot, jene Schicht meist junger Rucksackreisender, die mit viel Zeit und wenig Geld ausgestattet sind.

Beim Einstieg gibt es ein Gerangel um die besten Plätze, diejenigen auf dem Dach, wo man ausgestreckt mit einer Mütze über dem Gesicht an dem Gesamtkunstwerk der eigenen Bräunung weiterarbeiten kann, während man sich von den Exzessen des vorangegangenen Abends erholt: Da sind einige offenbar den ganzen langen Weg aus Newcastle oder Göttingen angereist, um die Augen zu schliessen. Das Boot fliegt über den Tonle-Sap-See und rast in den Kanal hinein, der den See mit dem Mekong verbindet. Leider ist der natürliche Kanal für Rennboote kaum breit genug, so dass jeder Fischer, der nicht rechtzeitig an Land paddelt, sich an beiden Seiten seines Einbaums festklammern muss, um von den Wellen nicht zum Kentern gebracht zu werden.

Schon kurvt das Boot um die nächste Biegung. Die Backpacker dösen, die Stöpsel ihres Walkmans im Ohr, lesen den neuesten Wilbur Smith oder John Grisham. Wenn sie nicht gerade den Lonely-Planet-Reiseführer studieren, der oft als die «Backpacker-Bibel» tituliert wird, der aber eher einem Ratgeber von der Sorte «99 Steuertips» ähnelt. Denn die kurzen Passagen zu Land und Leuten sind nur Feigenblätter für den wahren Inhalt: allumfassende Infos zum ultimativen Spartrip. Früher wurden die Baedeker-Reisenden informiert, dass «der Orientale» gerne feilscht. Heute müssten die Einheimischen vor den schachernden Fremden gewarnt werden.

Krieg ums Kleingeld

Die Rucksacktouristen öffnen ihre Augen misstrauisch, als es zu einem unerwarteten Halt kommt, denn sie sind vom Lonely Planet gewarnt, vor den Einheimischen (auf Englisch locals und somit das Gegenteil von globals) und ihren Tricks auf der Hut zu sein. Es stellt sich heraus, dass der Halt geplant und nötig ist, weil das Boot tanken muss, also versenken sich die Backpacker wieder in Lektüre oder Schlaf. Bewegung kommt erst wieder auf, als das Schiff die Hauptstadt erreicht und sich zwei entschlossene Kohorten gegenüberstehen. Die Rikschafahrer, Hotelagenten und Tourführer auf der einen Seite, kleingewachsene Männer mit dürren Gliedern und einem etwas verzweifelten Gesichtsausdruck, deren Abendessen davon abhängt, ob sie einen Fremden als Kunden ergattern werden. Auf der anderen Seite die leicht bekleideten Backpacker, die mit lässiger Gebärde ihre Sonnenbrille zurechtrücken und ihren Rucksack schultern.

Wer angesichts der geballten Erwartung auf der Mole Unsicherheit erkennen lässt, verrät sich als Anfänger im Geschäft des preiswerten Reisens. Die wahren Backpacker sind hingegen mindestens drei Monate lang unterwegs, und sie kennen sich aus in der Realität des überall lauernden Betrugs. Die Hartgesottenen unter ihnen springen auf die Mole und wischen die vordersten Angreifer zur Seite wie lästige Moskitos.

Man vernimmt erste Ausrufe des Protests: «Two dollars? You must be crazy. Half a dollar, not more!» In ihren Stimmen schwingt eine gerechte Wut mit, denn sie schonen mit ihrem Einsatz nicht nur den eigenen Geldbeutel, sie retten die Welt vor der grössten aller Verderbnisse, dem Hochtreiben der Preise. Manch ein Paradies gilt als ruiniert, nicht weil es zersiedelt und verschmutzt, sondern weil es «unangemessen teuer» geworden ist.

Fremde, gefiltert und gechlort

Wer diese Variante des heutigen Rucksacktouristen in Reinkultur beobachten will, muss nur nach Bangkok reisen, dem Dreh- und Angelpunkt der vielleicht beliebtesten Region der Backpacker-Welt, wo das Leben bequem und billig ist, billig und bequem. In dem Banglamphu-Viertel reiht sich ein Gasthaus an das nächste, wechseln sich Restaurants mit Bars ab. Einheimische verkehren nicht in diesen Etablissements; sie ziehen die Parallelstrasse vor, wo das Essen viel besser schmeckt, nur fehlt es dort an der Trinität des Backpacker-Entertainments: laute Tech-Ethno- Musik, Fernseher mit Hollywood-Dauerbetrieb sowie Computer mit Internetanschluss. Vor dem Abendessen schreibt man einige E-Mails, oft an Reisebekanntschaften, mit denen man Tipps austauscht oder sich verabredet. (Was sich häufig als unnötig erweist, denn Backpacker gleiten auf einer Autobahn mit wenigen Ausfahrten dahin.) Beim Abendessen zieht man sich «Herr der Ringe» oder «The Matrix» rein, während sich der Gaumen an etwas Thai-Kultur erfreuen darf. Danach schlürft man sein Bier oder seinen Drink - wenn man nicht zu jenen gehört, die auch das billige Sexangebot nutzen - in einem tropengerechten Korbflechtsessel zu den Klängen von «Buddha Bar», einem Remix von Fusionsongs aus aller Welt, der einen mit so viel akustischem Müll voll stopft, dass man sich nach der Reinheit eines Alphornklangs sehnt.

Die vielgeschmähten Hippies von einst hingen zwar auch in Katmandu oder Lamu herum, aber unter ihnen gab es doch viele, die sich auf die Fremde einliessen, die sich dem Unbekannten aussetzten, so dass es eine Chance hatte, sie zu verändern. Das Gros der heutigen Rucksacktouristen scheint keine solchen Ambitionen zu hegen. Ihnen reicht die in den Traveller-Ghettos servierte gefilterte und gechlorte Fremde völlig aus. Sie unterscheiden sich kaum von den Pauschaltouristen, denen sie sich mit einigem Dünkel überlegen fühlen. Sie betrachten die fernen Kulturen als Lieferanten von Versatzstückchen, die etwas Farbe in ihre behagliche und abgesicherte Existenz bringen können.

Der Weg, den sie dabei beschreiten, führt in die Uniformität. Je nach Aufenthaltsland hüllt man sich in einen Sarong, eine Lungi, eine Kurta oder in die bunte Posthippieuniform, die man an Tankstellen der Backpacker-Autobahn wie etwa Goa oder Chiang Mai billig erwerben kann. Dazu legt man ein wenig Ethnoschmuck an und merkt sich einige Phrasen Thai, gerade so viel, dass man die Lingua franca der Backpackergilde beherrscht (der souveräne Umgang mit geographischen Namen und Währungen gehört ebenfalls dazu), nicht genug aber, um die Einheimischen tatsächlich zu verstehen. Derart gerüstet versammeln sich die Backpacker zur nächsten Full Moon Rave Party und zelebrieren ihre wilden Trance- und Drogenrituale, die sie von den Pauschaltouristen unterscheiden. Letztlich spiegeln beide Gruppen den selbstbezogenen und ausbeuterischen Umgang der Zentren, aus denen sie stammen, mit der grossen weiten Welt. Von der Weisheit der Mauren, nur wer reise, wisse vom Wert des Menschen, sind sie unendlich weit entfernt.

Ilija Trojanow